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Rezension: Audemars Piguet Royal Oak vs. Patek Philippe Nautilus

Von Jon Richford
02 Mar 2022

Wir haben bereits über die Welle an Quarzuhren gesprochen, die den Westen in den 1970ern erreichte, doch erst danach wird es richtig interessant. Als etablierte Uhrenmarken allerorts zerfielen, weil sie mit den Preisen ihrer östlichen Pendants nicht mithalten konnten, war die mechanische Uhrenindustrie zum Umschwenken gezwungen, um ihre Geschäftsziele neu auszurichten und so zu überleben. Es folgte ein Schritt, der so kühn und riskant war, dass er nie hätte funktionieren dürfen. Das Ergebnis waren die Audemars Piguet Royal Oak und die Patek Philippe Nautilus.

Man vergisst leicht, dass Luxus-Ikonen wie Rolex und Omega in der Zeit vor der Krise schlicht Alltagsmarken waren. Es handelte sich um Unternehmen, wie heute Apple eines ist, die die besten Produkte für den alltäglichen Gebrauch herstellten – nicht unbedingt billig, aber dennoch an eine breite Zielgruppe gerichtet, die sich Qualität und Zuverlässigkeit wünschte.

Es gab Luxus-Uhrenmarken, darunter Audemars Piguet und Patek Philippe, deren Luxus jedoch in Edelmetallen und exquisiten Komplikationen bestand. Fast über Nacht waren diese Komplikationen durch elektronische Geräte, die dasselbe und noch mehr leisten konnten, veraltet.

Eine neue Vision

Das war, bevor man Uhren sammelte und klassische Uhren populär wurden. Uhren stellten einfach ein Hilfsmittel dar, ähnlich einem Mobiltelefon, und besaßen keinen Eigenwert. Irgendwie musste man den Leuten weismachen, dass Uhren nicht einfach nur die Zeit anzeigten. Das war die Vision des aufstrebenden Uhrendesigners Gérald Genta, des Mannes, der sagte: „Uhren sind für mich das Gegenteil von Freiheit. Ich bin Künstler, Maler, ich hasse den Zwang der Zeit. Er stört mich.“

Es war diese neue Vision, die den Übergang der Uhrmacherei von der Funktion hin zur Form ermöglichte. Zuerst kam 1972 die Audemars Piguet Royal Oak, dann 1976 die Patek Philippe Nautilus. Dabei handelte es sich um große, gewagte Edelstahluhren mit kantigem Design, anders als alles zuvor Dagewesene. Absurd ist, dass Genta für die Gestaltung des Royal-Oak-Konzepts nur einen Tag Zeit bekam. Bei der Nautilus war es nicht anders: Genta gestand, es habe nur „fünf Minuten“ gedauert, sie zu entwerfen.

Doch das war nicht genug. Es brauchte noch etwas. Und das gab es: den Preis. Dies waren einige der teuersten Uhren, die es je gegeben hatte. Die Royal Oak kostete beispielsweise mehr als viele der klassischen Golduhren der Marke. Sie war sogar zehnmal teurer als die damalige Rolex Submariner.

Dieses obszöne Glücksspiel hätte die beiden Marken in die Annalen der Geschichte verweisen sollen, was aber nicht eintrat. Beide Uhren gaben den Startschuss für das Segment, das Patek Philippe als „Sport-Luxusuhr“ bezeichnet – herausragende Stilikonen als Ausweis des nötigen Wohlstands, um sich den Luxus leisten zu können, die teuersten Uhren der Welt zu tragen, ohne sich überhaupt darum zu scheren, dass sie lediglich aus Stahl bestehen. Als die Elite diese Verbindung gezogen hatte, wurden die Uhren ein fulminanter Erfolg.

Legenden der Branche

Diese beiden Uhren, die zusammen in weniger als einem Tag entworfen wurden, sind also irgendwie zu den Legenden geworden, die die Uhrenbranche in den Luxusriesen verwandelten, den sie heute darstellt. Das ist eine beachtliche Leistung. Vielleicht war es Zufall, reines Glück, die richtige Sternenkonstellation? Die weitere Untersuchung könnte die Wahrheit aufdecken.

Da die Audemars Piguet zuerst kam, beginnen wir mit ihr. Genta ließ sich vom Fenster eines Taucherhelms inspirieren – nicht nur ästhetisch, sondern auch technisch. Wie der Helm wird die Royal Oak mittels Kompression gegen Wasser abgedichtet, wobei die Lünettenschrauben ganz durch das Gehäuse dringen und die Teile wie ein Sandwich zusammenhalten.

Doch das Design wirft sofort einige Fragen auf: Warum haben die Lünettenschrauben Schlitze, obwohl sie sich eindeutig nicht drehen können? Diese Schrauben aus Weißgold – einem Material, das ursprünglich gewählt wurde, da Stahl nicht ausreichend kostengünstig gemäß den Vorgaben gefertigt werden konnte – waren von Anfang an in Gentas Konzept enthalten und sollten eigentlich – seltsamerweise – fehlausgerichtet sein. Vielleicht handelt es sich um eine subtile Anerkennung der Verlagerung mechanischer Uhren von der Funktion hin zur Form? Höchstwahrscheinlich war es Gentas Schlafmangel, als er zur Feder griff, um seine absurde Frist einzuhalten.

Zusammenfassung

Die Nautilus hat jedoch ihre eigenen Besonderheiten. Zwar ist auch sie nautisch gestaltet, doch Genta wählte eine andere Herangehensweise an das Design: Diesmal war es ein Bullauge, das ihn inspirierte, wobei die senkrechten Scharniere eines Schiffsfensters die Grundlage für die Gehäuse-„Ohren“ bildeten, welche die Vorderseite an der Rückseite befestigten, um die Uhr abzudichten.

Während die „Ohren“ in Gentas ursprünglichem Konzept sauber hinter der achteckigen Lünette steckten, war das Endprodukt wesentlich alberner, weil die für die Stifte erforderliche Dicke dafür sorgte, dass die „Ohren“ deutlich weiter als eigentlich beabsichtigt herausragten.

Ungeachtet der Ohren fühlt sich die Nautilus mit mehr Kurven, polierten Oberflächen und dem rauchigen Zifferblatt stark nach einer vornehmeren, eleganteren Version der originalen Royal Oak an. Im Vergleich ist die Royal Oak ein zähes, industrielles Tier mit harten, aggressiven Kanten und einem eingravierten Zifferblattmuster, das dem Profil eines ausgetretenen Nagelstiefels ähnelt. Macht das die Nautilus besser? Es macht sie gewiss anders. Wirkt die Originalität der Royal Oak mächtiger als die Finesse der Nautilus? Es kommt drauf an: Bevorzugen Sie den explosiven Terminator 2 oder das nüchterne Tech-Noir-Original?

Es gibt etwas, das diese beiden Uhren gemeinsam haben: Sie beide verfolgen das menschliche Bedürfnis, die Frage „Was wäre, wenn?“ zu beantworten. Es gab bereits Uhren, die ohne Befestigungsschrauben oder festgeklemmte Ohren weitaus mehr Wasserfestigkeit boten, doch die Royal Oak und die Nautilus sind optisch irgendwie stärker, weil sie diese besitzen.

Ganz so, wie es der Bugatti Chiron in etwas über 30 Sekunden auf 400 km/h bringt, haben diese Uhren ihre jeweilige Branche von vorn angetrieben und es gewagt, in einer riskanten Partie „Sind wir morgen noch im Geschäft?“ anders zu sein.

Wohin Ihre Präferenz auch geht, ob zu Audemars Piguet oder Patek Philippe – es gibt zumindest eine Konstante: Sie wurden beide von einem Mann entworfen, der zugab, Uhren überhaupt nicht zu mögen. Vielleicht war es letztlich Zufall. Vielleicht auch einfach nur Glück. Ist das die echte Wahrheit? Ich meine – lassen Sie uns nicht vergessen, dass Genta die Nautilus ursprünglich eigentlich für Frauen entworfen hat ...

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